Februar 2016

DichterFebruar 2016

Es verschlägt mir die Sprache, zumindest kurzfristig, wenn ich sehe, was bei uns so abgeht. Wie schnell kann doch eine allgemeine Stimmung kippen oder das öffentliche Bild in Beschlag nehmen.

Ist es noch die Mehrheit, die schweigt und sich dezent zurückhält, sich vielleicht amüsiert über die sichtbare Naivität und manchmal Dummheit derer, die sich zu Bürgerwehren formieren, um unser Land vor gefährlichen Flüchtlingen zu schützen?

Wer ist überhaupt gefährlich hier? Sind es die, die hier von Krieg und Not angeschwemmt werden, oder diejenigen, die bei der Sammlung von Unterschriften gegen die Flüchtlingsunterkunft Druck machen, wenn jemand seinen Namen nicht auf so einer Liste sehen mag?

Woher kommt diese Gewaltbereitschaft und Radikalität, dieser Stimmungsumschwung, der von AFD und PEGIDA-Gruppen befeuert wird.

Wenn die „Russlanddeutschen“ auf die Straße gehen, weil vermeintlich eine der ihren vergewaltigt und entführt wurde, hört man den Ruf nach Selbstjustiz, denn Regierung und Polizei tun ja angeblich nichts.

Hier zeigt sich, dass Integration mehr sein muss, als ein Job und eine Staatsbürgerurkunde. Es braucht noch viel mehr an Bildung und Verständnis, als Sprachkurse vermitteln können.

Es braucht soziale Kontakte und Freundschaft, Kultur und Engagement für die Gemeinschaft und letztlich die Vermischung der Bevölkerungsgruppen im Alltag – es braucht viel mehr an Verständnis und Toleranz – viel mehr als viele Russlanddeutsche seinerzeit selbst erfahren haben.
Viele von ihnen leben immer noch stark in ihrer „russischen“ Gemeinschaft und verherrlichen von hier aus das Land, in dem sie die ungeliebten „Deutschen“ waren. Viele sehen in dem Autokraten Putin einen Volkshelden, während Angela Merkel als Verräterin empfunden wird.

All das zeigt, dass die Demokratie und ihre Errungenschaften, wie die größtmögliche individuelle Freiheit, die wir hier genießen, vielleicht doch nicht so gefestigt sind, wie wir uns wünschen.

Wann kommt der Punkt, wenn wir nur noch zusehen und schweigen, wenn die Rechten marschieren und was haben wir dann noch entgegen zu setzen?

Ich habe in den 80er Jahren, als es gegen Pershing und Atomkraft ging, nicht viel von unserem Staat gehalten, es sieht so aus, dass ich ihn jetzt verteidigen muss.

Euer Krisenmanager, im Februar 2016